Wissenswertes

 

Herkunft, ein Wort in der Modebranche, welches gerne auch mal nett umschrieben wird. Angaben dazu werden oftmals verschwiegen. Viele Designer werben für ihre nachhaltigen Produkte. Vor allem Made in Europe ist für den Verbraucher ein besonderes Merkmal. Viele verstehen darunter qualitativ hochwertige, zum Teil auch nachhaltige Produkte, welche fair hergestellt werden. Doch vielen ist nicht bewusst, dass die Rohmaterialien (Textilien und Leder) oftmals auch aus osteuropäischen oder Entwicklungs-Ländern stammen.

 

 

Hochwertige Waren, Made in Germany zu einem fairen Preis? Klingt zwar gut, ist aber nicht unbedingt immer der Fall! Selten findet man Auskünfte über die Rohmaterialien und meist wird es dann lediglich so beschrieben:

 

„ Herkunft der Rohmaterialien aus der EU“. Das bedeutet meist so viel wie „ Wir wissen es selbst nicht genau...“.  

Die Textil- und Lederindustrie kann ganz schreckliche Seiten haben:

 

Die Globalisierung, der Wettbewerb um die niedrigsten Kosten und die strengen Umweltauflagen haben Deutschland als teuren Herstellungsstandort verworfen. Nur wenige Gerber und Textilhersteller können mit den Billiglohnländern konkurrieren. Doch gerade dort steht man vor großen Problemen. Immer wieder weisen Tier- und Menschenrechtsorganisationen auf Missstände in der Lederindustrie in Fernost hin. Leider aber zeigen die meisten Designer keine Einsicht und importieren über die Hälfte ihrer Waren aus China, Vietnam, Brasilien und Indien.

Dass die Arbeiter, vor allem in Fernost, knietief in der giftigen Brühe aus krebserregenden Säuren stehen, abgemagerte Tiere mit gebrochenen Schwänzen für die Ledergewinnung herhalten, Kinderarbeit existiert und giftige Abwässer ungefiltert in die Flüsse geleitet werden, was für die Umwelt und die dort lebenden Menschen schreckliche Folgen hat, interessiert nur wenige. Diese Häute, zum Teil nur vorgegerbt (Wetblue-Häute), werden nach Europa verschifft und weiterverarbeitet.

 

Doch auch in Europa gibt es Niedriglohnstandorte. Tausende von Menschen arbeiten in Europa in der Textil- und Lederindustrie, die meisten in Albanien, Bosnien-Herzegowina, Mazedonien, Polen, Rumänien und in der Slowakei.

 

Die Löhne in den Ländern Albanien, Mazedonien und Rumänien liegen sogar noch unter dem von China. Sie müssten mindestens 4x höher sein, damit auch die Familien davon leben könnten. Wochenendarbeit und unbezahlte Überstunden gehören hier zum Alltag. Dabei sind die Lebensunterhaltskosten beispielsweise in Rumänien ähnlich hoch wie in Deutschland. Die Einhaltung von Arbeitsschutzgesetzen wird nur in seltenen Fällen kontrolliert. Klagen über schlechte sanitäre Anlagen, chronische Kopfschmerzen, Allergien und Magenprobleme durch den Kontakt mit Chemikalien, werden gern ignoriert.

 

Verkauft wird uns ein Produkt mit dem Aufdruck „Made in Italy“, „Made in Germany“, „Made in...“, obwohl eigentlich hauptsächlich das Design und Marketing in diesen Ländern stattfindet. Die lange Reise der Waren von der Rohwarenherstellung, Nähen, Etikettieren bis zur Verpackung bleibt uns vorenthalten.

 

Den niedrigsten Anteil des Endpreises erhalten dann diejenigen, die die körperliche Arbeit bewältigen. Das Schlimmste daran ist, dass wir alle dazu beitragen, weil wir die Kleidung konsumieren, ohne uns vorher zu informieren.

 

„Italien gilt als Edelmanufaktur der Mode“

Mehrere Recherchen der Clean Clothes Campaign und der Initiative Change Your Shoes zeigen erstmals die Realität in der europäischen Lederindustrie auf: Von den Gerbereien in Italien bis zu den Fabriken in Mittel- und Südosteuropa.

 

Moderne Sklavenarbeit - giftig und unmenschliche Arbeit

Italien steht für die Edelmanufaktur der Mode, besonders der Lederwaren. Fragwürdig sind allerdings die schlechten Arbeitsbedingungen, unter denen die hochwertigen Lederwaren entstehen. Die Lederindustrie in Italien hat ganz erhebliche Schattenseiten. Es herrscht quasi eine Ausbeutung der Arbeiter. Zudem ergaben sich allein in der Toskana viele Berufskrankheiten, welche durch verschiedene Substanzen ausgelöst wurden. Verbraucherschützer finden sogar giftige Bestandteile in Schuhen und anderen Kleidungsstücken. Schlagzeilen über sich wiederholende Unfälle, Gelenkschäden durch das Heben der schweren Lasten und der ungeschützte Kontakt mit giftigen Substanzen, durch den die Arbeitenden Allergien oder gar Tumore entwickeln, häufen sich.

 

 

Viele Verstöße bei Arbeitsschutz-Kontrollen

Made in Europe steht für Qualität und faire Arbeitsbedingungen. Natürlich wird dies auch regelmäßig von Arbeitsschutzbehörden kontrolliert. Doch immer wieder wird von Bußgeldbescheiden aufgrund schlechter Arbeitsbedingungen und Sicherheit berichtet. Es wird höchstens bei zwei bis drei von zehn Kontrollen kein Bußgeldbescheid ausgestellt.

Die Gerbereien haben in manchen Regionen sehr viel Macht. Die Abnehmer der großen Marken achten nach Meinung der NGO beim Lederkauf nicht genug auf soziale Bedingungen. Das liegt daran, dass jeder mit den Billigpreisen mithalten möchte und der Konkurrenzkampf sehr groß ist. Um immer schneller und billiger zu produzieren werden die Sicherheitsmaßnahmen an den Maschinen reduziert, um Zeit zu sparen. Somit haben die Maschinen beispielsweise keine automatische Abstellung, welche zur Sicherheit des Arbeiters dient, falls dieser aufgrund des hohen Drucks der schnellen Produktion mit seinen Händen dazwischen gelangt. Auch Abluftanlagen sind teilweise nicht in Betrieb, da die Energiekosten zu hoch sind. Der Arbeiter atmet die giftigen Stoffe direkt in seine Lunge ein. Schutzausrüstungen werden meist nicht (kostenfrei) gestellt.

 

 

Chemiecocktail belastet die Lederprodukte

Ein Großteil des Leders wird mit Chrom gegerbt und wenn dabei technische Standards nicht eingehalten werden, kann das nicht nur für die Arbeiter in den Fabriken ein Risiko darstellen, sondern auch für den Endverbraucher. Letztendlich ist das Gerben mit Chrom nicht schlechter, da es im Gegensatz zu einer rein pflanzlichen Gerbung wesentlich weniger Wasser, Energie und Abholzung benötigt. Aber aufgrund der schnellen Gerbprozesse (um mit den Niedrigpreisen der Konkurrenten mithalten zu können) wird unachtsam gegerbt. Dadurch kann Chrom VI entstehen, welches für den Arbeiter sowie für den Verbraucher gesundheitsgefährden ist. Dieser Schadstoff kann erhebliche Allergien auslösen und für manche Menschen sogar tödlich sein. Natürlich hat ein Vorhandensein dieser Schadstoffe in dem Leder weltweit einen schlechten Einfluss auf den Ruf von Leder generell. Dies wird auch den Gerbereien aus Deutschland negativ angerechnet, obwohl man sich hierzulande überhaupt keine Sorgen machen muss. In Deutschland ist Chrom VI schon längst verboten. Ein wohl sehr großes Problem, welches noch weitestgehend unbekannt ist, betrifft die sogenannten Wet-Blue Häute (vorgegerbte Lederhaut mit Chrom) aus Entwicklungsländern. Die erschreckenden Umstände der Herstellung dort sind bereits bekannt. Die Häute werden trotzdem nach Europa verschifft und zur Endgerbung weiterverarbeitet. Das Leder ist dann aber schon mit den Schadstoffen belastet. Vor allem in Italien gibt es verschiedene Gerbereien, die nur spezielle Arbeitsschritte absolvieren und die Wet Blue Häute weiterverarbeiten. Eine Gerberei spezialisiert sich z.B. auf das weitere Enthaaren/ Entfleischen und Spalten der Wet-Blue Häute, eine weitere Gerberei ist dann zuständig für das Färben und das Finishing.

 

 

Moderne Sklaverei ist die einzige Chance 

Italien ist nicht nur einer der bekanntesten Länder für Lederprodukte, sondern gerbt auch 60 Prozent des in der EU produzierten Leders. Es gibt einen sehr interessanten Bericht A though story of leather. Dieser zeigt die Schattenseiten des harten Gewerbes der Gerbereien in Italien, in dem vielfach Migranten ohne Arbeitssicherung sowie Arbeitsschutz arbeiten. Viele Firmenchefs beschäftigen lieber Senegalesen als Italiener, da die Senegalesen auch Überstunden machen und an Samstagen arbeiten, ohne sich zu beschweren. Laut Berichten bleibt den Menschen in manchen Gebieten vorort keine andere Wahl, als in der Lederindustrie zu arbeiten, um überhaupt die Familien ernähren zu können. Dies ist eine neue Form von Sklavenarbeit. Obwohl das Gesetz Schwarzarbeit verbietet, herrscht diese in einigen Gebieten Italiens immer noch in den Gerbereien vor. Dies gilt als schlimmste Verletzung der Rechte von Arbeitern und Arbeiterinnen, da diese weder Pensionsansprüche stellen können noch vor Unfällen geschützt sind.

 

 

Grafik von der Kuh bis zum Produkt:

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Dörpwicht

Huso Huso Studios

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